Reise zum Elbrus

Reisebericht vom Sommer 2004

Wenn vom Kaukasus die Rede ist, wird in den Medien fast ausschließlich nur der östliche Kaukasus behandelt: Tschetschenien, das östliche Georgien sowie das südliche Dargestan. Weite, nicht selten unwirtliche Gegenden, deren Bevölkerung aus Bergvölkern besteht, die. an die 80 völlig unterschiedliche Sprachen (nicht Dialekte) sprechen sollen.

Es gibt aber auch einen anderen, man sollte sogar sagen den eigentlichen Kaukasus:
Den West- und den Zentral-Kaukasus.

Sagenumwoben und schon in der Argonautensage beschrieben. Mit richtigen Bergen, gegenüber denen die Alpen klein erscheinen.

Aber zunächst einmal, wie kommt man hin: Wichtigste Verkehrsachse, überhaupt eine der wichtigsten Straßen Europas ist die nördlich parallel zum Kaukasus verlaufende M-29. Eine meist vierspurige Magistrale, die von Rostov-am-Don über 1.400 km Länge nach Baku am Kaspischen Meer führt. Zwischen Rostov und Armavir soll sie mit ein paar hundert Kilometer Länge sogar die längste schnurgerade Schnellstraße Europas sein. An Geschwindigkeitsbegrenzungen hält sich auf dieser Straße niemand,  viele fahren 130 km/h und mehr. Diese hohen Geschwindigkeiten werden deshalb gefahren um überhaupt vorwärts zu kommen. Radarkontrollen gibt es wenige und entgegen kommende Fahrer warnen einen frühzeitig. Aber es gibt mindestens alle 10 km eine Polizeikontrolle wo viele Fahrzeuge heraus gewunken und oft penibel untersucht werden. Hinzu kommen vollständige Kontrollsperren im Stil eines Grenzüberganges, wo jeder anhalten muss. Panzer am Straßenrand sind normal und sollten nicht abschrecken.
 


Ebenfalls an dieser Magistrale liegt der Ort Mineralnye Vody (=Mineral-Wasser), der von Moskau aus angeflogen werden kann (Aeroflot, KMV), aber auch direkt von München (KMV). Mineralnye Vody gehört zum bedeutendsten Kurgebiet Russlands mit vielen sehr schönen Kurstädten. Eine schöne Stadt dort, welche sehr an deutsche Kurstädte erinnert, ist Kislovodsk. Ab Mineralnye Vody geht es dann auf der M-29 weiter Richtung Kabardino-Balkaria, einer eigenständigen Republik innerhalb Russlands. Am Grenzübergang sind sehr intensive Kontrollen, vor allem in Richtung Russland. Dort staut sich der Verkehr nicht selten über etliche Kilometer. Ab da beginnt auch überwiegenderweise islamisches Gebiet, und man sieht immer wieder eine Moschee zwischen den Häusern auftauchen.

Am Ort Baksan, benannt nach dem dort fließenden und am elbrus entspringenden Fluss, biegt man ins Baksan-Tal ab, welches direkt zum Elbrus führt. Das Tal ist ca. 100 km lang und wird beidseitig von beeindruckenden Berghängen eingesäumt:



Vereinzelt fühlt man sich in den Wilden Westen versetzt: echte Cowboys die auf Pferden sitzend Rinderherden beaufsichtigten. Der Baksan selbst ist ein Wildwasserfluss, in den viele kleinere Flüsse und Bäche münden, deren Ufer und Grund vom dortigen Erzreichtum rotbraun gefärbt sind:



Ein ganz besonderes Erlebnis sind auch die vielen Mineralwasserquellen. Das Wasser hat durch den sehr hohen Erzgehalt einen ganz besonderen Geschmack. Wenn man dort Wasser aus einer Quelle in eine Flasche abfüllt, bildet sich bis zum nächsten Tag roter Bodensatz und auch das Wasser ist rot. Ein besonderes Erlebnis ist es auch, draussen in freier Natur Wasser mit Kohlensäure (also echtes Sprudelwasser) direkt aus einer natürlichen Quelle zu trinken. Vielleicht liegt da einer der Ursachen, warum die ältesten Menschen der Welt aus dem Kaukasus stammen sollen.

Wegen des Erzreichtums gibt es auch eine (ziemlich öde, mit üblichen Plattenbauten versehene) Bergbaustadt an der Straße: Tyrnyauz, vor einigen Jahren durch einen fürchterliche Gerölllawine in weiten Teilen zerstört.

Die Region am Elbrus wird auch Nationalpark Prièl'brus'e genannt. Die kleinen Orte dort leiden sehr unter dem Touristenschwund. Der relativ nahe Unruheherd Tschetschenien und mangelnde Einkünfte zollen ihren Tribut. Bei den wenigen Touristen handelt es sich meist um wohlhabende Russen, die, wie man an den Kennzeichen sehen kann, auch den weiten Weg von Moskau (ca. 2.000km) mit dem Auto nicht scheuen, und sich primär zum Sommerskilauf auf dem Elbrus einfinden. Auch Abenteuertouristen aus dem Westen sind vereinzelt zu finden.

Der Elbrus selbst ist ein Vulkan, bestehend aus zwei Kuppeln: dem Westgipfel mit 5.642m und dem Ostgipfel mit 5.621m:



Er gilt als erloschen, wann er zuletzt ausgebrochen ist, ist mir nicht bekannt. Auch der Kazbek (5.033m) im Zentralkaukasus ist ein erloschener Vulkan.

Es gibt den Streit, ob der Elbrus der höchste Berg Europas ist oder nicht, ob überhaupt der Kaukasus zu Europa gehört. Die Frage lässt sich einfach beantworten:
Es gibt nirgendwo auf der Welt einen Fluss, der von einem Kontinent zum anderen fließt. Grenzflüsse ja, wie z.B. den Ural, aber nicht von einem Kontinent zum anderen. Somit bildet die Hauptwasserscheide zwischen dem nördlichen und dem südlichen Kaukasus die geographische Grenze zwischen Europa und Asien. Der Elbrus liegt nördlich dieser Hauptwasserscheide, und ist somit einwandfrei ein europäischer Berg (und damit auch der höchste: 5.642m).

Durch die Abgrenzung durch die Wasserscheide kommt Europa noch zu einem weiteren 5000er: dem Dyhtau mit 5.204m. Jangha mit 5.038m, Shkhara mit 5.068m, Koshtan-Tau mit 5.144m und Kazbek mit 5.033m liegen genau auf der Wasserscheide, sind somit eher eurasische Berge.

So hoch der Elbrus auch ist, es ist "relativ leicht" ihn zu erklimmen. Eine Gondel bringt einen von der kleinen Siedlung Azau rauf auf 2.970m, für sich genommen schon eine bemerkenswerte Höhe. Eine weitere Seilbahn geht dann rauf bis zur Station Mir auf 3.500m. Ab hier ist ausschließliches Schneegebiet, auch im Sommer. Und von da aus geht ein Sessellift noch weiter rauf zur Station Garabashi auf 3.800m. Das entspricht ungefähr der Höhe des Gross-Glockners, dem höchsten Berg Österreichs. Nirgendwo auf der Welt eine Seilbahn, die einen höher hinauf bringt. Von Garabashi aus kann mit normaler Kondition "Priut 11" erreicht werden, eine Station auf 4.160m Höhe, die einmal das höchst gelegene Hotel der Welt genannt wurde. Leider wurde die Station 1998 durch die Unachtsamkeit von Gästen durch ein Feuer zerstört und bis jetzt nicht wieder neu errichtet. Von Priut 11 kann man dann auf direktem Weg zu den beiden Gipfeln gelangen.



Ein Nachbarmassiv des Elbrus ist der nordöstlich vorgelagerte Tscheget, mit immerhin auch 4.051m Höhe:

Die dortige Seilbahn führt auf einen Nebengipfel und erreicht auch hier stolze 3.200m Höhe. auf einem Nebenberg bis auf 3.200m rauf, nur knapp unterhalb des dortigen Gipfels. Auch hier bietet sich ein grandioses Panorama, und von den dort sichtbaren Gipfeln sind alle über 4.000m:



Für den Besuch der Elbrus-Region empfiehlt sich entsprechende Wintergarderobe. Aber auch wer keine Wintersachen mitschleppen möchte muss nicht unbedingt verzichten. Im Tal und auf den Stationen gibt es viele einheimische Händler, meist Frauen, die ausgezeichnete dicke handgestrickte Schafswoll-Pullover anbieten. Beste Qualität für sage und schreibe nur 300 Rubel das Stück. Auch die anderen Sachen wie Hüttenschuhe etc. sind günstig und von guter Qualität. Sehr freundliche Menschen übrigens, die sich sichtlich freuten, einem Deutschen etwas verkaufen zu können.

 

Copyright zu Bericht und Photos:
Ralf Radojewski